Gottfried Helnwein– DieTechniken
by: Klaus Honnef
2003
Gottfried Helnwein, keine Frage, ist ein Künstler auf der Höhe
der Zeit. Wie alle avancierten Künstler hat er sich nicht nur den
Herausforderungen der neuen Techniken gestellt, vielmehr meistert er sie,
indem er sie zur immer vollkommeneren Verwirklichung seiner künstlerischen
Vorstellungen planvoll nutzt. Niemals verwendet er Technik um ihrer selbst
willen oder um mit vordergründigen Effekten zu verblüffen. Er
ordnet im Gegenteil die technischen Mittel den Zwecken seiner künstlerischen
Ziele strikt unter. Für seine zeitgebundenen Aktionen zu Beginn seiner
künstlerischen Praxis waren Fotografie und Film die einzig angemessenen
Mittel, wenigstens einen Rest ihrer provokativen Wirkung mit dem Siegel
der Authentizität zu erhalten. In diesem Fall war der eigene Körper
das hauptsächliche Mittel des künstlerischen Aktes.
Solange es Ziel künstlerischer Bestrebungen ist, unbekannte Territorien
der menschlichen Wahrnehmung zu erobern, ist auch die Frage der jeweiligen
Technik akut. Deshalb ranken sich seit der Antike zahlreiche Künstleranekdoten
um dieses Problem. Die vollkommene Beherrschung der technischen Mittel
einerseits und die Entdeckung noch besserer technischer Mittel, um die
vorgenommenen Ziele zu erreichen, andererseits, gelten von jeher als Ausweis
künstlerischer Meisterschaft. Nicht von ungefähr wurde der große
Jan van Eyck häufig mit der Erfindung der Ölmalerei in Zusammenhang
gebracht.
Die Moderne hat den herkömmlichen Techniken der Kunst neue hinzugefügt,
mechanische wie die sogenannten analogen Systeme Fotografie und Film und
elektronische wie die sogenannten digitalen Systeme Video und Computer.
Immer haben neue Techniken der Kunst neue Horizonte erschlossen. Dabei
hat es bisweilen lange gedauert, bis die Öffentlichkeit den neuen
Techniken künstlerische Legitimität eingeräumt hat. Bei
der Fotografie fast hundert Jahre, beim Film zwanzig und bei den digitalen
Techniken beinahe zehn. Inzwischen gelten Fotografie, Film und Video als
selbstverständliche Mittel in der Hand von Künstlern wie Pinsel,
Zeichenstift, Stichel, Hammer, Meißel, Leinwände, Holz, Stein
und Metall. Ausstellungen mit besonderem Einfluss auf die Kunst der Gegenwart
wie Documenta in Kassel und Biennale in Venedig sind ohne fotografische
und filmische Beiträge inzwischen nicht mehr denkbar.
Gottfried Helnwein, keine Frage, ist ein Künstler auf der Höhe
der Zeit. Wie alle avancierten Künstler hat er sich nicht nur den
Herausforderungen der neuen Techniken gestellt, vielmehr meistert er sie,
indem er sie zur immer vollkommeneren Verwirklichung seiner künstlerischen
Vorstellungen planvoll nutzt. Niemals verwendet er Technik um ihrer selbst
willen oder um mit vordergründigen Effekten zu verblüffen. Er
ordnet im Gegenteil die technischen Mittel den Zwecken seiner künstlerischen
Ziele strikt unter. Für seine zeitgebundenen Aktionen zu Beginn seiner
künstlerischen Praxis waren Fotografie und Film die einzig angemessenen
Mittel, wenigstens einen Rest ihrer provokativen Wirkung mit dem Siegel
der Authentizität zu erhalten. In diesem Fall war der eigene Körper
das hauptsächliche Mittel des künstlerischen Aktes.
Die Fotografie ist auch das überzeugendste Medium für seine
prägnanten Porträts herausragender Repräsentanten der internationalen
Medienkultur. Gemalte Porträts von Warhol bis Jackson würden
seltsam verfehlt anmuten. Die Malerei kommt hingegen zum Zuge, wenn Helnwein
eine Wirklichkeit wiedergeben will, die alles Reale an Wirklichkeit weit
übertrifft und im Bild so wirklich erscheinen soll, dass sie einem
(Alb)-Traum gleicht: nämlich wirklicher als die sicht- und erfahrbare
Realität. Oder anders ausgedrückt: Eine Wirklichkeit, die allein
mit den Mitteln der Malerei zu verwirklichen ist, obwohl sie auf den ersten
Blick wie eine fotografische Wirklichkeit aussieht. Helnwein ist ein Meister
in der Anwendung der unterschiedlichsten künstlerischen Techniken,
sei es aller möglichen Druckverfahren, sei es der Fotografie, des
Films und nicht zuletzt der Malerei.
Dabei gehört es durchaus zu seiner künstlerischen Signatur,
dass er die Betrachter seiner Bilder häufig über die technischen
Voraussetzungen seiner Bilder im Unklaren lässt und verschiedene
Techniken in unterschiedlichen Werkphasen miteinander kombiniert, ohne
dass dem ungeschultem Auge ersichtlich wird, wie sich die einzelnen Techniken
zueinander verhalten. Das ist letzten Endes auch nicht wichtig. Wichtig
ist stattdessen, dass die Dinge anders sind, als sie erscheinen. Denn
natürlich geht es Gottfried Helnwein - wie jedem bedeutenden Künstler
- darum, mit seinen Werken die Grenzen der eingeschliffenen Wahrnehmungsformen
zu irritieren und diese zu überschreiten, um die ungeheure Vielfalt
der Erscheinungswelt ins richtige Licht zu rücken. Und dazu beschreitet
er unaufhörlich ungewöhnliche Wege.
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