Gottfried Helnwein - Horror und Transzendenz
Benedikt Taschen Verlag Köln
1992
Text by Andreas Mäckler
Designed by Peter Feierabend
"Rockmusik, Film und Comic strips sind die Kunst des 20. Jahrhunderts
- elementare Kunstformen, mitreißend, von einer elementaren Kraft
und Intensität. Und diese Qualitäten habe ich bei den meisten
abgesegneten Werken der Hochkunst ziemlich vermißt. Die sind im
Vergleich dazu meistens blutleer, langweilig und haben wenig mit dem Leben
und den Menschen zu tun." Als Gottfried Helnwein 1990 dieses Resümee
zur Kunst der Gegenwart zog, hatte er mit seinem eigenen Werk längst
bewiesen, daß er seiner Zeit - wieder einmal - weit vorauseilt.
Denn er mußte kein Rockmusiker werden und hat auch nie einen Comic
Strip gezeichnet. Die Filme über ihn - vielfach preisgekrönt
- behandelten sein Leben und Werk. Auch wenn sie so spannend wie beste
Kriminalfilme waren, dienten sie immer nur als Medium seiner wahren Passion
und waren nicht die Sache selbst. Sie jedoch haben ihn weltberühmt
gemacht: Bilder, die elektrifizieren und wie ein Bannstrahl ins Auge des
Betrachters eindringen. Keine Rockmusik, kein Comic Strip und keine Filme
reichen an sie heran.
Er greift die brennenden Probleme der Gegenwart auf, und er nährt
Träume, seien es Themen wie die Vergewaltigung von Frauen, die klinischen
Deformationen in einer monströsen Gesellschaft oder der Selbstmord
des Individuums: Immer gelingt es ihm, den Nerv der Zeit zu treffen und
ihn freizulegen, d. h. ihn künstlerisch zu artikulieren.
Mit solchen Bildern schließlich zum umworbenen Künstler-Star
geworden, bleibt Gottfried Helnwein dennoch jenem selbstgesteckten obersten
Ziel verpflichtet, das ihn immer wieder andere, verblüffende Wege
in der Kunst suchen läßt. Seine Schöpfungskraft beweist
er dabei nicht zuletzt durch sein jedesmal aufs neue bewiesenes Geschick,
das breite Publikum anzusprechen, zu faszinieren, zu schockieren und auch
zu vergnügen. Hier ist Wirkung der Maßstab. Nicht nur eine
verschwindend geringe Elite von Kunstexperten soll erreicht werden, sondern
jeder Mensch ist Gottfried Helnweins Adressat. Den über Jahrhunderte
erprobten Gesetzen der Rhetorik nachgebildet, stehen seine Gemälde
den Regeln der Wirkungsästhetik des frühen 19. Jahrhunderts
sehr viel näher als ihrem modernen Pendant des L'art pour L'art,
denn er verwendet in vielen seiner Bilder, die als Poster, Plakate und
Plattencover zirkulieren, gezielte Formeln, die jeder kunstsoziologisch
erfaßbaren Gruppe •"ihren Teil"• anzubieten
wissen: Den traditionell interessierten Betrachtern imponiert die unübertroffen
technisch-handwerkliche Perfektion seiner Gemälde, die den Vergleich
zu den Meisterwerken der Kunstgeschichte nicht zu scheuen brauchen. Gesellschaftspolitisch
Interessierte erhalten in Gottfried Helnweins Protest gegen Heuchelei
in allen Facetten, gegen Umweltverschmutzung und gegen Rüstung jene
Bildwerke, die das machtpolitisch Geschaffene als hochgradig oppositionswürdig
anprangern.. Es ist, als sollte sich in seinem Werk die Apokalypse der
Zivilisation unter neuem Vorzeichen erfüllen. Kritiker haben ihn
deshalb oft als den »Boris Karloff des Pinsels" tituliert oder
als den "Schockmaler mit der sensiblen Seele". Aber welche Klischees
auch immer die Presse für Gottfried Helnwein fand, sie hinkte seinem
Genius hinterher wie Blinde, die Blinde führen. Denn kaum, daß
wir den Künstler auf eine Formel gebracht zu haben glaubten, ist
er uns schon wieder entglitten. Als in seinem Frühwerk zum Beispiel
die vernarbten, mißhandelten Kinder - ein Spiegelbild der eigenen
Kindheit im Österreich der Nachkriegszeit - zu einem makabren Klischee
zu entgleiten drohten, wechselte er sofort das Genre. Großformatige
Diptychen, Triptychen, Polyptychen und die einhundert Meter lange Bilderstraße
der "9. November Nacht" als Mahnmal zur fünfzigsten Wiederkehr
der Reichskristallnacht im Deutschland der Nazizeit (1938) schlossen sich
Mitte der achtziger Jahre nahtlos an das große Grundthema seiner
Kunst, das er - trotz stilistischem Wandel - nie verlassen hat: Es ist
der Mensch in allen Facetten seiner Existenz. Horror und Transzendenz
liegen hier ebenso nahe beieinander, wie das Triviale mit dem Erhabenen
wechselt. Norman Mailer stellte daher nicht ohne Bewunderung fest: "Helnwein
is one of the few exciting painters we have today." Wer sollte ihm
da widersprechen?
Frühe Aktionen
Neben den gemalten Bildnissen verletzter und mißhandelter Kinder
inszenierte Gottfried Helnwein seit den frühen siebziger Jahren zahlreiche
Aktionen. Sie stehen in Verbindung zum "Wiener Aktionismus"
und haben Ähnlichkeiten mit den Bandagen-Aktionen von Rudolf Schwarzkogler
und dem Gestus der körperlichen Ausdruckskunst von Egon Schiele und
Oskar Kokoschka.
Frühe Kinderbildnisse
Die Kinderbildnisse nehmen im Werk Helnweins eine zentrale Stellung ein.
Es sind eindringliche, überaus subtil gestaltete Dokumente von unendlichem
Leid und Schmerz; von Kindern, die verletzt und verunstaltet, die unmenschlichen
Gewaltakten ausgesetzt worden sind - durch Menschen oder Apparate. Und
diese Bilder in ihrer stillen Ambivalenz von Unschuld und Betroffenheit
haben die Reaktionen der Betrachter immer sehr stark herausgefordert -
vielleicht, weil gerade sie eine typische Kindheit in Österreich
darstellen, in der die Menschen ihre eigene verkorkste Kindheit wiedererkennen.
Das Sonntagskind, 1972
Ein kleines Mädchen mit einer Blindenbinde am Arm steht lachend vor
einem Kolonialwarenladen. Es streckt dem Betrachter frech die Zunge heraus.
Und Blut läuft ihm zwischen den Beinen herunter. Was ist geschehen?
Waren das Mädchen und die kleine, eisschleckende Ente kurz zuvor
nicht gerade dort glücklich, wo die Bensdorp-Schokolade von Österreichs
Kindern jahrzehntelang wie göttliches Manna begehrt worden ist? Die
Gebrochenheit der Idylle und die Wehrlosigkeit der Kinder - in diesem
Bild hat Gottfried Helnwein eines seiner stärksten Anliegen auf den
Punkt gebracht: für die Rechte der Kinder und gegen jede Form der
Kindesmißhandlung zu kämpfen.
Zeichnungen
Gottfried Helnweins Zeichnungen sind wie Räume von kafkaesker Angst;
sie sind wie Dornenhecken, in derer Spinngewebe der Mensch mit seinen
Psychosen gefangen ist, deformiert durch eine überlange Nase oder
durch einen zwergenhaften Wuchs. Aber die clownesken Übertreibungsmerkmale,
die uns normalerweise zum Lachen anregen, bekommen hier einen bitteren,
tragischen Zug, der auch in den späteren, vielfach hauchzart komponierten
Farbstiftzeichnungen nichts von seinem Schrecken verloren hat.
Aquarelle
Alltägliche Schrecken und Horror, Alpträume eines Realisten,
mit klinischer Präzision präsentiert: Da sind die zarten, wie
von innen heraus leuchtenden Kinder mit den Narben und bandagierten Köpfen.
Da ist der zynisch lächelnde Arzt, und da steht ein Bürokrat,
der mit seinem Aktenordner alles und jeden zu erledigen vermag. Da zieht
sich eine Frau ausgerechnet im Büro ihren Slip an oder aus (warum
wohl?), und da sitzt ein Mann im Kaffeehaus, das blanke Messer in der
Hand: »Guten Morgen, Du Sau" - so lautet der Titel des Bildes.
Mit eiskalter Sachlichkeit hat Gottfried Helnwein immer wieder die heißesten
Themen der Zeit aufgegriffen, penibel die Narben und Falten der Täter
und Opfer gezeichnet und mit geradezu masochistischer Ausdauer die Hautpartien
aquarelliert, die Schattenstellen mit dem Luftpinsel gespritzt und mit
der Rasierklinge darüber geschabt, bis die messerscharfen Gesichter
auch wirklich zeigen konnten, wie es in ihren Köpfen aussah.
Pastelle
In den Jahren 1987 und 1989 entstand eine Folge monochromer gegenständlicher
Pastelle und abstrahierende Arbeiten, auf denen, wie magisch verschwommen,
Köpfe und grotesk verzerrte Körper aus dunklem Grund hervorleuchten.
Dennoch bleiben Trivialität und Tragik auch in diesem Werkkomplex
von Gottfried Helnwein nahe beieinander. Nach wie vor bilden die Dokumentarfotografie
und die alltägliche Bilderflut der Massenmedien seine große
Inspiationsquelle: Zwei Pastelle wurden nach einem Foto des amerikanischen
Sensationsreporters Weegee betitelt ("Modern Sleep"), Polizeifotos
von mißhandelten KIndern und von Drogenleichen aus der New Yorker
Bronx dienten häufiger als Vorlage. Künstlerisch übersetzt
wurde auch das Foto eines Soldaten der Roten Armee, der 1945 in Berlin
vor dem Führer-Hauptquartier die bis zur Unkenntlichkeit verkohle
Leiche des NS-Propagandaministers Goebbels ablichtete. Aber wo Gottfried
Helnwein früher einen detailfetischistischen Hyperrealismus zelebriert
hatte, da führte er nun die Malerei zu einer irisierenden Unschärfe,
die rein aus der Farbe heraus gestaltet worden ist und die nur noch eine
bleiche, gespenstisch schimmernde Schädelsilhouette übrig ließ
("Verbrannter Engel"). In seinen Menschendarstellungen dieser
Jahre annullierte Helnwein weitgehend jedes individuelle Merkmal und transformierte
die Physiognomie zur hellen, visionären Lichterscheinung. Die menschliche
Gestalt erscheint deshalb nicht mehr elaboriert, sondern nur noch flächig
angedeutet. Die Raumillusion ist nahezu verschwunden, und die Körperkonturen
lösen sich im Bildhintergrund auf. Der Maler nimmt also die Figur
in die Materialität der Farbe zurück, aus der heraus sie geformt
wurde. Aber immer bleibt das Grundthema seiner Kunst der Mensch als Täter
und Opfer mitsamt den verborgenen Schichten hinter den Dingen, die es
aufzudecken gilt.
Antonin Artaud, 1989
Gottfried Helnweins Artaud-Trilogie aus dem Jahr 1989 bedient sich ebenfalls
dokumentarischen Fotomaterials, das aber in der künstlerischen Arbeit
sensibel und poetisch transzendiert wird. Dennoch fehlt ihm nicht die
eigentümlich diabolische Dimension. Das in rosa Pastelltönen
gehaltene Dichter-Portrait gerät nämlich zur düsteren Comic-Persiflage:
Artaud erbricht eine unförmige, unergründlich scheinende blauschwarze
Sprechblase. Gottfried Helnwein, Heiner Müller und der österreichische
Choreograph Hans Kresnik arbeiteten in diesem Jahr an einem gemeinsamen
Theaterstück über Antonin Artaud (1896-1948).
Selbstportraits
"Der Grund", sagte Gottfried Helnwein in einem Interview (1990),
"warum ich zum Thema Selbstbildnis kam, warum ich von Anfang an Selbstinszenierungen
gemacht habe, war eine Art Stellvertreterfunktion. Das ist nichts Autobiographisches,
keine Therapie, und teilt nichts von mir persönlich mit. Damit meine
ich überhaupt nicht mich, sondern ich nehme mich, weil ich als Modell
jederzeit verfügbar bin: Was ich meine, ist einfach 'einen Menschen'."•
Der bandagierte Kopf wurde dabei immer wieder zum mißverstandenen
Klischee. Selbst Mick Jagger fragte einmal, wenn auch lachend: "Will
you paint me with bandages?"
Es gibt eine interessante Parallele: Humphrey Bogart mit bandagiertem
Kopf in dem Film Dark Passage (1947). Er wartet darauf, daß sich
ein neues Gesicht bildet wie in einem Kokon, in dem ein neues Lebewesen
entsteht. Aber der medizinische Verband und die chirurgischen Instrumentarien
sind bei Helnwein auch Symbol und Metapher des anonymen Massenmenschen
- mumifizierte Nobodys der Gegenwart, die frisch vom Operationstisch zu
kommen scheinen oder aus einem ägyptischen Mumiensarg. Alle Qualen
und Horrorvorstellungen dieser Welt sind in diesen Bildern versammelt
wie gebündelte Expressionen der Angst. Die Selbstportraits wurden
damit auch zum Ausdruck des Märtyrers am Ende des Jahrhunderts, und
die Menschen erkannten sich darin wieder, sonst wäre ihr weltweiter
Erfolg nicht möglich gewesen.
Helnweins berühmtes Selbstbildnis von 1981 hat außerdem eine
weitere Verbindung, nämlich zu dem österreichischen Bildhauer
Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783), einem der begehrtesten Portraitisten
des Barockzeitalters - bis er wahnsinnig und damit hellsichtig wurde.
Erst dann schuf er eine Serie von Charakterköpfen, die Grimassen
des endgültigen Horrors in einer bisher nie gezeigten Intensität
zeigten, als wolle sich der Künstler noch einmal an der Gesellschaft
rächen. Völlig verwahrlost starb er in einer Irrenanstalt.
Blackout, 1982
"Der Schockmaler mit der sensiblen Seele", "der Feinmechaniker
des Makabren" - es gibt kaum ein Kunstwerk der achtziger Jahre, das
derart häufig reproduziert bzw. positiv besprochen worden ist wie
dieses SeIbstportrait von Gottfried Helnwein. Basierend auf einer Fotosession
von 1981, maIte er es im selben Jahr in Aquarelltechnik. Die deutsche
Rockgruppe Scorpions gab eine zweite Version als Cover für ihre LP
Blackout in Auftrag. Das kleinformatige, in absoluter Präzision geschaffene
Meisterwerk wurde zum definitiven Kultbild. Weit über die Verbindung
von Malerei und Rockmusik hinaus, visualisiert der gewaltige Schrei des
Künstlers das Aufbäumen und den Protest der malträtierten
Kreatur, die Apokalypse des geknebelten lndividuums im Zeichen einer ebenso
monströsen wie erschreckenden Zivilisation. Alle Formen der Gewalt
gegen Menschen finden sich in diesem Gemälde konzentriert wieder.
Diptychen und Triptychen
Geprägt vom österreichischen Katholizismus und von
der Nachkriegszeit, thematisierte Gottfried Helnwein in seinen Rollenspielen
der Jahre 1986/87 zahlreiche Varianten dieser ebenso faszinierenden wie
pervertierten Spielart globaler Machtentfaltung. Der Wiener Kunsthistoriker
Peter Gorsen (1988) schrieb: "Fast alle wichtigen Manifestationen
der Gewalt wie Krieg, Tortur, Vergewaltigung, sexuelle Obszönität,
der Faschismus in vermoderter historischer und in aktualisierter Gestalt
klingen gefühlsmäßig an. Helnwein arbeitet vornehmlich
mit trivialen Mythen, Symbolen, Signets und Idolen des Alltagslebens,
hat einen Blick für die nostalgischen Devotionalien und Andachtsbilder
des Faschismus. Die nekrophile Dämonie der Nazi-Nostalgie, der Military
Look und Uniformfetischismus in der Jugendkultur mit ihren sadomasochistischen
Anwandlungen, ihrem Faible für 'geile'• Waffenästhetik
und kriegerische Maskerade werden ebenso thematisiert wie der heroisch-pathetische
Gestus der großen Gefühle." Hier vereinigt er drei wesentliche
Bereiche, die in seinem Schaffen immer mehr eine zentrale Rolle spielen:
Fotografie, Realismus und monochrome Malerei.
Der Untermensch
Helnweins Rollenspiele sind vergleichbar mit denen von Cindy Sherman -
mit einem Unterschied: Seine fotografischen Zyklen aus dem Jahr 1987 adaptieren
zentrale Stereotypen der Gewalt, des Horrors und der großen Gefühle
aus Film und Fernsenn in immer neue alptraumhafte Szenerien, als habe
das Monströse des Schreckens niemals ein Ende gefunden. "Ich
liebe solche Klischees", gestand Helnwein 1988, "weil sie Kraft
haben. Sie nehmen den Blick derer gefangen, die der Kunst sonst keinen
Blick schenken." Aber es geht darum, sie zu erkennen und zu unterminieren,
beispielsweise die nationalsozialistische Vorstellung vom Herren- und
vom Untermenschen.
Neunter November Nacht
Niemals zuvor in seiner Geschichte hat der Staatsterrorismus in Deutschland
größere Verbrechen begangen als im Zeichen des Faschismus.
Was viele Menschen anfangs noch für die bloße rhetorische Ausgeburt
eines zutiefst pervertierten Hirns gehalten und verdrängt haben,
als Adolf Hitler die Judenverfolgung und ihre systematische Vernichtung
zum zentralen Anliegen seiner Politik machte, das sollte sich nach seinem
Regierungsantritt (1933) zu einem beispiellosen Morden verwandeln, das
in der sogenannten "Reichskristallnacht" vom 9. zum 10. November
1938 einen ersten Höhepunkt fand. Der Erinnerung an diesen sechsmillionenfachen
Mord an Juden, Roma, Sinti und anderen Völkern diente fünfzig
Jahre später Gottfried Helnweins hundert Meter lange Bilderstraße
zwischen dem Museum Ludwig und dem Kölner Dom.
Im Angesicht des unvorstellbaren Grauens, das kein Medium auch nur im
entferntesten angemessen widerzuspiegeln vermag, hat Gottfried Helnwein
eine künstlerische Form gefunden, die radikal gegen das Vergessen
der NS-Verbrechen kämpft, ohne dabei das Andenken an die Opfer zu
verletzen. Er konfrontierte die Passanten mit überlebensgroßen
Kindergesichtern in endlos scheinender Reihe: Kinder, wie zur Selektion
aufgereiht. Es sind Gesichter, die den Betrachter zum frontalen Blickkontakt
zwingen. Aber da ist keine Fröhlichkeit, keine kindliche Unschuld,
kein Glanz in den Augen. Und doch sind es nur subtile künstlerische
Veränderungen im Gesichtsausdruck und in der Haltung, die bewirken,
daß uns an diesen Köpfen etwas irritiert: die Normalität
der Gesichter. Es sind Menschen wie du und ich. So verfehlten die Bilder
- sie sind im Scannachrome-Verfahren gefertigt worden - ihre Wirkung nicht.
Sie lösten starke Betroffenheit aus, aber auch Aggressionen. Schon
wenige Tage später waren zahlreiche Bilder aufgeschnitten, eins wurde
sogar gestohlen. Die Gewalt gegen Menschen und ihre Werke ist noch immer
gegenwärtig.
Kindskopf
Das auratische Gesicht eines Kindes, sechs Meter hoch, vier Meter breit,
im Triumphbogen der mittelalterlichen Minoritenkirche Krems (Österreich)
hängend, einem Altargemälde gleich - hier hat Gottfried Helnwein
die Quintessenz seines künstlerischen Werkes monumentalisiert: das
Kind als Erlöser und Opfer zugleich.
Neue Arbeiten
Gottfried Helnweins Arbeiten der Jahre 1989 bis 1992 verfolgen konsequent
die Weiterentwicklung zweier wichtiger Pole seiner Malerei: fotografisch
detaillierter Realismus und Monochromie. Die düster-expressive, diffus
strukturierte materiale Farbgebung der Pastelle, an die sich die neueren
Bilder chronologisch anschließen, ist aber jetzt verstärkt
wieder aufgelöst worden zugunsten einer glatten und perfekten, ebenso
kalt wie magisch distanziert wirkenden Brillanz vorwiegend blauer Farbtöne.
Bedeuteten die Pastelle in Helnweins Werk noch einen radikalen Bruch mit
seiner bisherigen Bildsprache, so schließen diese Arbeiten wieder
an frühere Gestaltungsprinzipien und Themen an, Einige der neueren
Bilder - die Selbstportraits mit Ali und Cyril - beruhen sogar auf älteren
Fotografien, die aber jetzt digitalisiert mit Ink-jet auf Leinwand übertragen
und mit ÖI-Acrylfarben monochrom übermalt worden sind, ebenso
wie die anderen Bilder dieser Serie. Nie zuvor wirkte Helnweins Maltechnik
synthetischer als hier. Der Eindruck einer Zwischenphase in seinem Werk
liegt nahe. Aber es findet auch wieder ein stärkerer Bezug zum aktuellen
Zeitgeschehen statt, der sich auf seine Bildersprache auswirkt und vermehrt
narrative und szenische Elemente enthält: Auflösung des Sowjetimperiums
("MiG 23"), die Kriege im Irak und in Jugoslawien ("Nacht
II", "Nacht V"), der sensationelle Fund einer mumifizierten
Leiche aus der Steinzeit (3300 bis 3400 v. Chr,) im Eis des Similaun-Gletschers
über dem österreichischen Ötztal ("Eismensch").
Gerade im Kontext der großen Retrospektive seines bisherigen Werks,
das inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte umfaßt, wird sichtbar, daß
Gottfried Helnweins künstlerische Schaffenskraft an Vielfalt, Konzentration
und Stärke in der Weltgeschichte der Kunst ihresgleichen immer noch
vergeblich sucht.
48 Portraits
Kunst ist immer auch ein Dialog mit den Werken anderer Künstler.
So verwundert es nicht, daß Gottfried Helnwein den "48 Portraits"
berühmter Männer im Museum Ludwig, Köln, die Gerhard Richter
geschaffen hat, eine eigene Bilderserie berühmter Frauen entgegensetzte:
aber nicht in schwarzweiß, sondern in gedämpftem Rot.
Fotografien
Gottfried Helnwein begleitete von Anfang an seine künstlerische Arbeit
mit der Fotografie. Zunächst als Dokumentation begonnen, verselbständigte
sie sich seit den achtziger Jahren immer mehr, weil ihm bewußt wurde,
wie sehr die Fotografie ihre spezifischen Wirkungsmöglichkeiten besitzt,
die sie neben der Malerei und der Zeichnung als eigene künstlerische
Gattung nobilitieren. Bediente er sich noch in seiner Malerei einer beispiellosen
fotografischen Raffinesse, um die künstlerischen Bildvorstellungen
so real wie möglich zu gestalten, so genügten im Rahmen der
fotografischen Arbeit vielfach schon kleine Veränderungen in der
Lichtführung und in der Kameraeinstellung, um die verschiedenen Wirklichkeiten
des Sichtbaren und des Unsichtbaren miteinander zu verschmelzen. Dabei
beweist sich Gottfried Helnwein immer wieder aufs neue als der geniale
Portraitist dieser Zeit. Wie kein anderer zeigt er die Brüchigkeit
der Menschen, Idole und Ideale des 20. Jahrhunderts, die in sich bereits
alle Zeichen des Verfalls tragen. Schon in ihre Haut sind die Katastrophenperspektiven
und Krisenstimmungen, sind das Morbide, der Ekel und die Melancholie des
Vergehens eingeprägt wie in einen Kampfplatz der Exzesse. Erfüllte
und verborgene Wünsche, die Fülle des gelebten Lebens, Verletzungen,
Schmerz und Tod, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Individuums
sind wie in einem unerbittlichen Brennglas konzentriert gebündelt
worden, gnadenlos und dennoch zutiefst human. Wer jemals geglaubt hat,
das Objektiv der Kamera sei objektiv, der wird bei den Fotografien von
Gottfried Helnwein eines Besseren belehrt. Das ist kein blinder Tribut
mehr an die hedonistische Konsumkultur und ihre massenmedialen Inhalte.
Hier ist ein Visionär am Werk und kein Dokumentar der Eitelkeiten.
Idole des 20. Jahrhunderts
Stars sind die Heiligen der Gegenwart - von James Dean über Mick
Jagger, Marlene Dietrich, Joseph Beuys, Donald Duck bis hin zu Andy Warhol
-, und sie sind auch ihre Opfer. Wie kein anderer versteht es Gottfried
Helnwein, den schmalen Grat zwischen Portrait und Groteske dieser Produkte
des Konsumzeitalters aufzuzeigen, denn seine subtilen Mittel der Verfremdung
entlarven die trivialen Mythen, Anbetungsmuster und Gefühlsklischees
solcher Leitbilder und machen sie suspekt.
Theater
Gottfried Helnwein gestaltete seit 1984 ebenso erfolgreiche wie skandalträchtige
Theaterplakate für den Regisseur Peter Zadek am Hamburger Schauspielhaus
(John Hopkins, Verlorene Zeit, 1984; Peer Raben, Andi; 1987; Frank Wedekind,
Lulu, 1988). Aber erst der österreichische Choreograph und Regisseur
Hans Kresnik konnte Helnwein 1988 den Anreiz bieten, auch Bühnenbilder
und Kostüme zu schaffen, zunächst für Shakespeares Macbeth
(Stadttheater Heidelberg), Ödipus von Sohokles (Stadttheater Heidelberg,
1989), dann für Peter Weiss' Revolutionsdrama Die Verfolgung und
Ermordung Jean Paul Marats (Staatstheater Stuttgart, 1990).
© 2002 by Gottfried Helnwein und Andreas Mäckler, Munich
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