Das Flüstern der Unschuldigen
by Mic Moroney
Noch während ich diese Worte schreibe, ringt Gottfried Helnwein
mit der ersten Ausstellung seiner Werke in seiner Wahlheimat, Irland.
Die Arbeit streckt sich von Butler House hinauf zu den Festival-Straßen
von Kilkenny. Seine Bilder sind riesig - jenes an der Fassade des Schlosses
von Kilkenny sogar sechs mal neun Meter groß.
Die Mehrzahl der Bilder in der Stadt stammen aus einer täuschend
einfachen Richtung seiner Arbeit - der simplen Abbildung von Kindergesichtern.
Über 90 Kinder fotografierte er in Kilkenny und verewigte somit
ihr zartes Alter in überdimensionalen Größen. Die Augen
geschlossen, in tiefer Meditation versunken, zieren sie die Türme,
Giebel und Wände der Stadt. Diese stillen und beeindruckenden Bilder
wurden wie Werbeplakate montiert.
Gottfried war von den Fotografien so beeindruckt, dass er daraufhin
beschloss, diese Arbeit in einem Bildband mit den Gesichtern von 1000
irischen Kindern fortzusetzen. In ihren Gesichtszügen und Sommersprossen
sollen sich die irische Geschichte, Gesellschaft und Erfahrung indirekt
widerspiegeln. Diese Strategie ist vergleichbar mit jener von Christo.
Für nächstes Jahr plant Gottfried eine Ausstellung von zehn
Meter hohen Bildern von Kindern mit geschlossenen Augen im Chinesischen
Nationalmuseum der Verbotenen Stadt Beijing. Damit wird er der erste
westliche Künstler sein, der dort jemals ausstellte. Alles muss
natürlich von den Parteizensoren bewilligt werden. Doch wer könnte
einen Einwand gegen Kindergesichter erheben, die uns mit telepathischer
Intensität aus der Ferne zuzuflüstern scheinen - wenn auch
in monumentaler Größe? Was könnte harmloser und einfacher
sein als ein Kindergesicht?
1988 in Köln
fand man dennoch Anstoß an einer derartigen Bildersprache. Damals
finanzierte Helnwein anlässlich des 50. Jahrestags der Reichskristallnacht
eine öffentliche Kunstinstallation selbst, nachdem es ihm nicht
gelungen war, Sponsoren dafür zu gewinnen. In jener Nacht tobten
und plünderten die Nazis in den Straßen Deutschlands, brannten
jüdische Heime, Geschäfte und Synagogen nieder und vollzogen
die ersten Schritte zum Holocaust. Im Kontext der damaligen Holocaust-bezogenen
Konzeptkunst erhielt der Künstler von der Stadt Köln keine
Genehmigung, seine Werke auf ihrem Boden auszustellen. Stattdessen erhielt
er die Erlaubnis, ein kleines Grundstück, das sich treffenderweise
im Besitz der Bahn befand, für seine Kunst zu verwenden. Dort montierte
er, so dass Passanten sie sehen konnten, eine lange Reihe von vier Meter
hohen Kindergesichtern, weiß gepudert, viele mit geschlossenen
Augen. Vor den Gesichtern stand das Wort „Selektion“, als
ob diese Kinder für die Konzentrationslager selektiert werden sollten.
Trotz der vielen Überwachungskameras ist es jemandem - vermutlich
einem Neonazi - gelungen, jedem einzelnen der Kinderporträts die
Kehle durchzuschneiden.
Helnwein, Artfestival Kilkenny
Der Künstler Gottfried
ist ein großer, ernsthafter aber fröhlicher Mensch. Oft trägt
er ein radikal anmutendes Kopftuch bei öffentlichen Anlässen.
Aber er, seine Frau Rebecca und ihre vier fast erwachsenen Kinder beeindrucken
vor allem mit ihrer einfachen, direkten Art und ihrem standhaften Optimismus.
Wegen ihrer moralischen Hinterfragung haben Helnweins poppige und fotorealistische
Bilder oft Kontroversen ausgelöst. Seine Karriere hat er größtenteils
dem Protest gegen die Spuren des Nationalsozialismus und des repressiven
Katholizismus in Deutschland und Österreich gewidmet - er betont,
dass die zwei Traditionen stark verwoben sind.
1948 geboren, wuchs Gottfried Helnwein in einem Wien auf, das seine
historische Komplizität mit den Nazis nicht wahrhaben wollte. Obwohl
bis 1955 unter alliierter Verwaltung, wurde Österreich nie wirklich
entnazifiziert. In der Schule erfuhr Gottfried weder von der allgemeinen
Euphorie beim Anschluss noch von den johlenden Mengen, die Juden dazu
zwangen, die Straßen mit einer Mischung aus Wasser und Säure
zu schrubben.
„In der Schule,“ sagt er, „lernten wir wieder und
wieder, dass Österreich das erste Opfer Adolf Hitlers gewesen sei
- was natürlich ein Witz ist.“
Alle drei Epiphany- Bilder
sind beunruhigende Montagen, ähnlich jener John Heartfields. Obwohl
fotorealistisch, bedienen sich diese Bilder diverser europäischer
ikonographischer Traditionen und der damit verbundenen stetigen Neuerfindung
der Madonna. Epiphany I ähnelt Hans Baldung Griens „Anbetung
der Könige“ (1507), in welchem die drei Könige auch
die aristokratische Kleidung der Zeit tragen.
Der zentrale Fokus Helnweins ist immer die Schönheit und Verletzlichkeit
von Mutter und Kind. Seine Arbeiten wirkten schon immer verstörend
auf die rechtsradikale Szene Österreichs und Deutschlands. In Irland
führten die Einwände einer schlecht informierten Öffentlichkeit
gegen diese Nazi-Ikonographie vor der Ausstellung dazu, dass ein Vater
das Bild seiner Tochter aus der Ausstellung nehmen wollte.
Mittlerweile, im Butler Haus, Gottfried hängt originale Ölgemälde
in der Butler-House-Gallery auf: ein weiteres Kindergesicht mit geschlossenen
Augen, daneben ein neues Mickey Mouse-Bild, ein bisschen wie jenes,
welches in den Katalogen des Festivals erscheint. Der neue Mickey ragt
glänzend aus einer blau-schwarzen Dunkelheit hervor - Helnwein
bezeichnet ihn als seinen „mystischen Mitternachts-Mickey“.
Gerade noch zu erkennen sind die leuchtenden Augen und die feuchte Nase,
die wie in einem verrückten, blau-schwarzen Caravaggio aus der
Dunkelheit herausragt.
Eine Angst vor Bildern.
Die Bilder von tot geborenen Babies aus dem Wiener Pathologisch-Anatomischen
Museum könnten im Butler House eine stärkere Reaktion hervorrufen.
Und es hat bereits einige Aufregung bis hinauf in die Regierungskreise
gegeben, als Helnwein vorgeschlagen hatte, riesige Digitaldrucke dieser
Bilder im Schlosshof von Kilkenney aufzuhängen. Diese schockierenden,
aber seltsam schönen Bilder erinnern an schlafende Engel. Ihre
eierförmigen Köpfe nicken in einem hypnotisierenden Traumzustand
oder verziehen sich in eine desintegrierende Geste des Leidens. Ihre
in Formaldehyd getränkten Finger und Gesichter sind zwar verschrumpelt,
aber jedes hat eine individuelle Persönlichkeit. Für Helnwein
hatten diese Bilder nie was Schreckliches. „Für einen kurzen
Moment war das Leben da und verschwunden. Was bleibt, ist ein materieller
Abdruck des Spirituellen...“ Diese Kinder, die zum Teil aus dem
19. Jh. stammen, werden in ihren Behältern zu Zeit-Kapseln. Sie
schlummern im flüssigen Limbo, während ihr Leiden - und das
ihrer Mütter - schon längst vorbei ist. Ihre Ausstrahlung
erinnert an die schmerzhafte Erfahrung des Todes einer nahestehenden
Person, von der man nicht wahrhaben will, dass sie tot ist.
Helnwein hat solche Bilder bereits mit überraschender Wirkung
in Kirchen gezeigt. In der Dominikanischen Kirche in Krems zeigte er
das Bild eines tot geborenen Kindes als Zentralbild des Altars. Selbstverständlich
rufen diese Bilder eine Reihe von Assoziationen hervor, und nirgends
so wie in Irland, wo die Aufbewahrung von Baby-Körperteilen in
irischen Spitälern ein schmerzhaftes Thema war und Abtreibung ein
noch immer ungelöstes gesellschaftliches Tabu ist. In Deutschland
denken die Menschen eher an Experimente von Nazi-Doktoren an jüdischen
Kindern oder die Euthanasie von behinderten Kindern - für die Nazis
„lebensunwertes Leben“.
Jede Kultur hat ihre Schreckgespenster.
Helnwein gelingt es, mit seinem mehrdeutigen und drastischen Engagement,
unter die Haut zu fahren. Das Team des Kilkenny Arts Festival hat viel
Mut und Überzeugung an den Tag gelegt, indem es die Arbeit Helnweins
nach Irland brachte - eine Arbeit, in der Kinder erneut den Inbegriff
von Schönheit und Verletzlichkeit darstellen.
Mic Moroney, August 2001
Übersetzung aus dem Englischen: Astrid Nolte
Kilkenny Arts Festival 2001
Gottfried Helnwein, Installation and one man show
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