Sie ist nicht so alt, wie sie aussieht. Obwohl "Alter" in ihrem Fall ein trügerischer Begriff ist. Eigentlich ist es ihre Kindheit, die festgehalten wird, und das ohne jegliche Nostalgie. Man muss schon sehr viel Fantasie aufbringen, um sich zu diesem Körper, in diesem Zustand kleine, mollige Händchen, Grübchenwangen und Milchzähne vorzustellen… Das kleine Mädchen, das sie einmal gewesen ist, dachte: Vielleicht bin ich schon tot? Nur die Toten vergräbt man so tief in der Erde. Auszug aus "Und die Ratte lacht" von Nava Semel
Das Mädchen krachte durch mein Browser-Fenster und der Text, an
dem ich gerade arbeitete, begann auf meinem Monitor zu zittern. Dieses
Bild hatte einen Cybersprung zu mir geschafft: Zwei Jahre lang war ich in die Arbeit an meinem Buch "Und die Ratte lacht" vertieft gewesen, dessen Kern die Erinnerung an den Holocaust und ihre Überlieferung durch die Generationen bis 2099 ist. Meine Protagonistin war ein kleines Mädchen, das in diesen dunklen Zeiten in einer Kartoffelgrube versteckt wurde, schwere Misshandlungen erlitt und überlebte. Und jetzt erschien dieses Mädchen plötzlich vor mir. Eine klare Vision, die auf mysteriöse Art und Weise meine eigenen, kleinen Worte ergänzte. Das verschlossene, reine Gesicht - betend oder verzweifelnd - und ein Hauch einer Träne, kaum sichtbar, im Winkel ihres Auges. Dieses Mädchen mit geschlossenen Augen, dessen Erinnerungen in den Gräben ihres Gehirns geistern, platzte auf unerklärliche Weise in mein Leben. Und heftiges Mausklicken brachte mich schließlich zum Namen jenes Mannes, der mein Grubenmädchen gemalt hatte – Gottfried Helnwein. Mein erster Gedanke war, wie ist es möglich, dass ein Mensch, den ich überhaupt nicht kenne, in die Seele meines Textes gedrungen ist? Und war es ein Schachzug des Schicksals, oder gar die Willkür des Zufalls, der das gemalte Mädchen und die auf Papier gebrannten Buchstaben meines Textes, verband? Tel Aviv, ein ganz normaler Tag im Februar. Draußen raschelten
die großen Blätter der Palme, die ich gepflanzt hatte, als
ich in dieses Haus am Ufer des Yarkon-Flusses gezogen bin. Ich fand es
schwer zu glauben, dass dieses namenslose Mädchen, das in mir mit
viel Schmerz und Entsetzen entstanden war, schließlich ein Gesicht
bekommen hatte. Also begab mich auf eine wilde Suche nach Einzelheiten:
Gottfried Helnwein, ein österreichischer Maler, dem Volk der Täter
entsprungen, widmet sein Werk den verletzten, misshandelten, vernarbten
Kindern, die die Spuren der Gewalt und des Todes tragen. Helnwein verarztet
die kleinen Opfer, legt Verbände an ihre Wunden und umarmt sie mit
Pinsel und Farbe. In Helnweins "Epiphanie"-1996 ist eine arische Muttergottes
zu sehen, die bewundernden SS-Offizieren das Baby Adolf Hitler präsentiert.
Die Verwendung der christlichen Ikonografie, insbesondere das Motiv der
Drei Heiligen Könige, macht dieses Werk so makaber. Denn durch sie
entblößt Helnwein die Heuchelei einer Gesellschaft, die den
Namen Christi und seine Botschaft vergebens trägt und verfälscht.
Die Tatsache, dass das Grubenmädchen ursprünglich in einer Kirche in Österreich ausgestellt worden war, ist eine subversive Kritik an allen Religionen, die Gnade und Mitgefühl predigten und von denen bloß leere Worthülsen übrig geblieben waren. Sie alle waren wohl gute, europäische Bürger, die ihr menschliches Antlitz aufgegeben hatten. Doch gleichzeitig stellt Helnwein in seinem Werk die Macht des Überlebens dar. Die gepeinigte Seele bleibt in sich rein, denn selbst in der Dunkelheit der Grube, kann ein Mensch seine psychische Kraft mobilisieren und das Lachen der Ratte hören. Helnwein glaubt an die Fähigkeit der Kunst emotionale Erinnerung weiterzugeben: Als Rückblick auf die Geschichte, doch vor allem als Warnung für die Zukunft – hat doch der Mensch seiner Meinung nach nichts dazu gelernt. Sollte also sein künstlerisches Werk als Akt der Buße gesehen werden? Ich würde lieber den jüdischen Ausdruck "Tikkun" (Hebr. wörtlich Wiederherstellung, Heilung oder Bereinigung) verwenden. Das Wort hat eine tiefere Bedeutung, als die Heilung der physischen Wunden, denn der Tikkun führt uns in eine höhere Ebene des Geistes. Die verletzten Mädchen schließen ihre Augen, doch sie sind keinesfalls blind. Durch ihre geschlossenen Lider dringt ein klarer, fester Blick. Künstler, daran möchte ich fest glauben, sind dazu bestimmt die Träger der Erinnerung zu sein, koste es was es wolle. Wir sind dazu verpflichtet, Ungerechtigkeiten aufzuzeigen; als Wächter und Beschützer zu dienen. Helnwein hat den Preis bezahlt. Er ist nach wie vor das enfant terrible, das sich nicht an die Spielregeln in der Kunstarena hält, er ist nach wie vor ein umstrittener Künstler. Ein Künstler, der in seinen jungen Jahren von einem selbstgerechten Establishment boykottiert wurde, weil er ein Hitlerportrait mit seinem eigenen Blut gemalt hat, nachdem er sich mit einer Rasierklinke die Handgelenke aufgeschnitten hatte. Er wandelt nach Bedarf gekonnt von einem Medium zum anderen und gefährdet sich immerfort. Seine Position als "einsamer Wolf", der keiner künstlerischen Strömung verpflichtet ist, gibt ihm auch die Freiheit, seinen gesellschaftlichen und politischen Standpunkten treu zu bleiben, und sich und seiner Umwelt die Aufgabe eines moralischen Kompasses abzuverlangen. An diesem besagten Tag in Tel Aviv sandte ich eilig ein Fax an die Robert Sandelson Galerie in London. Knappe vierundzwanzig Stunden später bekam ich eine Antwort von Gottfried Helnwein, der mir großzügigerweise gestattete, das "Grubenmädchen" als Umschlagbild für mein Buch zu verwenden. Und so wurde er zu meinem Begleiter auf der Reise zu meinen israelischen Lesern, die dem alten, jüdischen Gebot "DU SOLLST ERINNERN" folgen mussten. Ich bin sehr glücklich darüber, dass so auch die Menschen in Israel auf sein Werk aufmerksam geworden sind. Eines meiner Lieblingsbilder ist nicht gemalt, sondern ein Foto des Künstlers,
der sich gerade ausruht, nachdem er die Arbeit zu seinem Bild "Das
Grubenmädchen" beendet hat. Selbst in seinem Schlaf hält Papa Gottfried die andere Hand des
Jungen fest, als gebe es überall Gefahren für die Kleinsten
und Hilflosen unter uns. Wir dürfen niemals vergessen, dass sie immerzu
unseren Schutz brauchen. Nava Semel, Tel Aviv, Dezember 2005
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